Auswege aus dem Dilemma

Das Problem bei der Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Umweltbelastung und Wirtschaftswachstum besteht darin, daß erstere physischer Natur sind, Wirtschaft jedoch auf einer rein monetären Ebene betrachtet wird. Deshalb ist es schwierig, die tatsächliche Umweltbelastung auf den Euro genau auszurechnen. Die Produktion mancher Waren ist mit einem hohen Material- und Energieeinsatz verbunden, wogegen einige Dienstleistungen mit einem Minimum erbracht werden können. Der Vergleich der empirischen Daten über die Entwicklung des Bruttosozialproduktes und des Energie- und Ressourcenverbrauchs vermittelt jedoch ein paar Anhaltspunkte, die Aussagen über Tendenzen zulassen.

Die positive Erkenntnis aus den bisherigen Betrachtungen ist, daß ein moderates Wirtschaftswachstum nicht zwangsläufig zu einer höheren Umweltbelastung führen muß. Allerdings wurde bislang noch nicht geklärt, wie hoch die Einsparpotentiale durch Effizienzsteigerungen auf Dauer sind. Beim Energieverbrauch sieht es momentan zumindest noch am vielversprechendsten aus. Durch die Erhöhung des Wirkungsgrades von Kraftwerken, den verstärkten Einsatz von regenerierbaren Energiequellen und Einsparungen durch die Wärmedämmung, wie die Reduzierung des PKW-Verkehrs könnten die von der Enquete- Kommission gesetzten Ziele durchaus erreicht werden. Einsparpotentiale sind gleichermaßen bei den Rohstoffen vorhanden, auch wenn der effizienteren Rohstoffverwertung und der Wiederverwertung engere Grenzen gesetzt sind. Entscheidend ist in beiden Fällen die Frage, in welchem Umfang wächst der Materialeinsatz in der Produktion und wie hoch sind die Effizienzsteigerungen. Eine Umweltentlastung tritt nur dann ein, wenn die Effizienzsteigerung höher als das Wirtschaftswachstum ist. Folgende Grafik veranschaulicht noch einmal das Wirtschaftswachstum in den vergangenen 10 Jahren:

(Quelle: Statistisches Bundesamt)

In diesem Zeitraum überschritt das Wachstum nie die 3-Prozent-Marke. Dennoch ist der Umfang der verkauften Waren und Dienstleistungen in diesen 10 Jahren insgesamt um 15,76 Prozent gestiegen. Hätte sich in dieser Zeit der Zuwachs jährlich in der Größenordnung von drei Prozent bewegt, würde der Zuwachs schon 34 Prozent betragen. Den Interessenvertretern der Unternehmen ist selbst das zu wenig. Damit neue Arbeitsplätze entstehen, wird ein Wachstum in der Größenordnung von mindestens fünf Prozent gefordert, was einer Erhöhung der Produktion um fast 63 Prozent in 10 Jahren entspräche. Nach nur 14 Jahren hätte sich der Umfang sogar verdoppelt. Aus ökologischen Erwägungen kann Wirtschaftswachstum daher kein Ausweg aus den Problemen sein.

Ausgehend von dem bisherigen Datenmaterial hat sich gezeigt, daß ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von etwa 1,6 Prozent die Umweltbelastung nicht erhöht, allerdings auch nicht zu den ökologisch erforderlichen Einsparungen führt. Pro Jahr hat dies nur zu einer Umweltentlastung im Bereich des Energieverbrauchs um 0,5 Prozent geführt. Um die von der Enquete-Kommission empfohlene Reduktion zu erreichen, wären 1,6 Prozent pro Jahr erforderlich gewesen. In Relation dazu gesetzt hätte daher das Wirtschaftswachstum nur 0,5 Prozent betragen dürfen, um die Reduktionsziele zu erreichen. Das entspricht in etwa dem Wirtschaftswachstum, das einige Wirtschaftsforschungs-Institute für das Jahr 2003 prognostizieren und wird mit einer ökonomischen Katastrophe gleich gesetzt. Noch hofft die Bundesregierung aber auf ein Wirtschaftswachstum in der Größenordnung von 1,5 Prozent, was in etwa dem Mittel der 90er Jahre entspräche.

Betrachten wir in diesem Zusammenhang die sozialen Folgen empirisch, führte das Wachstum in den 90er Jahren zu einem Verlust von 3,1 Mrd. Arbeitsstunden, was etwa 1.491.000 Vollzeitarbeitsstellen entspricht oder 149.100 Arbeitsstellen pro Jahr. Man kann diese Rechenexempel in jede Richtung durchführen. 0,5 Prozent Wachstum heißt über 400.000 Arbeitslose pro Jahr mehr, 3 Prozent Wachstum egalisiert die Zunahme, 4,5 Prozent bedeutet etwa 150.000 zusätzliche Stellen. Aber selbst mit einem derart hohen Wachstum würde die Massenarbeitslosigkeit in 10 Jahren nicht unter 2.000.000 sinken.

Wenn aber selbst ein in den letzten 10 Jahren nie erreichtes Wirtschaftswachstum die sozialen Probleme nicht lösen kann, stellt sich die Frage, welche Alternativen es überhaupt gibt, um soziale Gerechtigkeit mit ökologischer Entlastung zu verbinden. Um Auswege nur anzudeuten, möchte ich noch einmal auf die empirischen Befunde zurück kommen. Angenommen, 0,5 Prozent Wirtschaftswachstum seien ökologisch akzeptabel, kommen wir zu dem Ergebnis, das jährlich aufgrund des Produktivitätsfortschritts etwa 900 Mio. Arbeitsstunden überflüssig werden. Um Arbeitskräfte im gleichen Umfang beschäftigen zu können, müßte die Arbeitszeit jährlich pro Woche um 0,6 Stunden pro Vollzeitstelle reduziert werden. Eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit um nur eine weitere Stunde würde bereits rund 150.000 neue Vollzeitstellen erbringen. Die Einführung der 35-Stunden-Woche erbrächte auf Anhieb etwa 2,7 Millionen neuer Vollzeitstellen. Die Reduzierung auf eine 33,5 Stunden Woche würde die Arbeitslosigkeit sofort komplett beseitigen. Das sind sicherlich alles rein numerisch-empirische Überlegungen. Aber bereits in den 70er Jahren waren diese Zusammenhänge vielen Politikern und Wissenschaftlern bewußt. Unter anderem hat das japanische Institut für Wirtschaftsforschung eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit bis zum Jahr 2000 auf 25 Stunden empfohlen. In Deutschland wurde auch seitens der SPD, über das Modell eines garantierten Grundeinkommens, wie es Andre Gorz vorgeschlagen hat, diskutiert. Die SPD unter Schröder gibt sich geschichtslos und selbst die Grünen haben ihre Anfänge längst vergessen. Es sind deshalb unzeitgemäße Betrachtungen, die hier angestellt worden sind. Nur haben sie leider nichts von ihrer Aktualität verloren.