Freizeit und Umwelt

Der ökologische Diskurs ist beherrscht von den großen Themen Klima- und Artenschutz, Verkehr, Energie- und Rohstoffproblematik. Weniger diskutiert und infolgedessen bekannt ist, daß das Freizeitverhalten der Bevölkerungen in den reichen Industrienationen gravierende Auswirkungen auf regionale und globale Ökosysteme nach sich zieht.

Freizeit - das ist der Zeitraum, in dem der einzelne frei ist von bindenden Verpflichtungen wie Erwerbs- und Hausarbeit, Aus- und Weiterbildung, Kindererziehung und Altenpflege etc.. Historisch betrachtet, ist Freizeit ein noch recht junges Phänomen, das in der westlichen Welt erst mit der Industrialisierung allmählich an Bedeutung gewann. In vielen traditionellen Gesellschaften hingegen existiert ein Trennung von Arbeit und Freizeit nicht in der uns bekannten Form.

Tatsache ist, daß in den Industrienationen in den letzten 100 Jahren die Arbeitszeit dank gewerkschaftlichen Engagements kontinuierlich reduziert wurde und es somit zu einem signifikanten Anstieg der verfügbaren Freizeit kam. Parallel hierzu nahmen Einkommen und Mobilität der Bevölkerung zu, aber auch eine fortschreitende Verstädterung der Regionen und eine generelle Verschlechterung der Lebensqualität in den Ballungsräumen konnte verzeichnet werden. Ein stets im Wachsen begriffener Bevölkerungsteil nahm dies zum Anlaß, seine Freizeit mit Ausflügen (Naherholung) und Reisen (Fremdenverkehr) zu verbringen. Das infolgedessen steigende Verkehrsaufkommen, hier ist besonders der kraftstoffintensive Flugverkehr zu erwähnen, steigende Luftbelastung und Lärmbelästigung sowie Landschaftszersiedelung und -zerstörung, die Versiegelung von Böden, zunehmende Abfall- und Abwasserprobleme etc. stellen besonders die Urlaubs- und Naherholungsziele vor große ökologische Probleme.

Besonders durch Freizeitaktivitäten gefährdet sind empfindliche Ökosysteme wie die Hochgebirge. So hat in diesen Regionen der Flächenverbrauch für Ferien- und Zweitwohnungen enorm zugenommen trotz stagnierender oder rückläufiger Zahlen der ansässigen Bevölkerungen. Der durch das Waldsterben ohnehin gefährdete Bergwald wird durch die touristische Erschließung (z. B. Anlegung von Waldschneisen für Straßenbau, Skipisten und -lifte) weiter belastet und verliert so seine natürliche Schutzfunktion vor Lawinen, Steinschlag und Erosion. Die großen Lawinenunglücke der letzten Jahre in den Alpen zeugen von dieser dringlichen Problematik.

Sieht man vom Nah- und Ferntourismus ab und betrachtet andere Bereiche gegenwärtigen Freizeitverhaltens, so ist auch hier eine steigende Ressourcenintensität (Beispiel "Shopping" oder Freizeitcenter) zu beobachten. Fraglich ist, ob die neuen Medien dieser Tendenz entgegenwirken können, indem sie etwa "virtuelle Mobilität" erzeugen: mit Freunden kann, ohne daß eine Ortsveränderung vorgenommen werden muß, auch im Internet gechattet werden. Doch scheint die virtuelle Kommunikation die reale nicht ersetzen zu können.

Eingangs wurde erwähnt, daß Freizeitverhalten in den reichen Industrienationen ökologisch besonders zu Buche schlägt. Damit ist angedeutet, daß zwischen Freizeit und Prosperität ein umweltrelevanter Zusammenhang besteht. Dieses Phänomen existiert sowohl auf internationaler (Nord-Süd-Gefälle) als auch auf innergesellschaftlicher (einkommensabhängige und z. T. schichtspezifische Konsumchancen) Ebene. Letzteres ist u.a. Gegenstand der Konsum- und Lebensstilforschung. Dort kam man zu dem Ergebnis, daß sich mit steigenden Einkommen in der Regel das Konsum- und Freizeitverhalten zu Lasten der Umwelt verändert: ein größeres und schnelleres Auto, mehr Fernreisen, geräumigere Wohnungen, die mit mehr Aufwand beheizt werden müssen usw. beschweren den persönlichen "ökologischen Rucksack".